Wir in den Medien
Kontext Wochenmagazin online / 4. Juni 2025 - In der Wochenausgabe der taz in KW23-2025, von Ulrike Schnellbach

Die Grauen Wölfe gehören zu den größten rechtsextremen Bewegungen in Deutschland und scheinen in Nürtingen in der Mitte der Gesellschaft
angekommen zu sein. Dass es so weit kommen konnte, kritisiert Erol Ünal, Experte für türkischen Rechtsextremismus, im NTZ-Interview.
(…)
Das extremistische Gedankengut fühlt sich „normal“ an?
Genau das ist das Problem: Die Ideologie der Grauen Wölfe ist in vielen Teilen der Community gesellschaftsfähig. Es gibt keinen starken äußeren Druck, der jemanden dazu bringen würde, sich davon abzuwenden. Im Gegenteil: Für viele gibt es keinen Anlass,das zu hinterfragen (…)
Was geschieht hinter den Türen des Vereinsheims? Als Außenstehender bekommt man keinen Einblick.
Es wirkt auf den ersten Blick wie eine ganz normale Teestube, mit Menschen, die zusammensitzen, Tee trinken, sich unterhalten. Ein Ort, der erst mal harmlos wirkt. Aber genau das ist auch Teil des Problems. Es ist so, dass bestimmte abwertende Haltungen gegenüber anderen Gruppen dort als ganz normal gelten. Das ist das eigentlich Gefährliche: Diese abwertenden Aussagen – etwa über Griechen, Kurden oder Aleviten – werden nicht aggressiv oder laut geäußert, sondern ganz beiläufig. (…)
Bei einer Veranstaltung der Grauen Wölfe in Nürtingen im Mai sind mehr als 30 Einzelhändler aus Nürtingen als Sponsor aufgetreten. Politiker lassen sich mit Mitgliedern ablichten. Es ist fast so, als hätten die Grauen Wölfe die Stadtgesellschaft in Nürtingen quasi unterwandert …
Unterwandert klingt so heimtückisch. Ich würde eher sagen, dass die Grauen Wölfe in Nürtingen keinerlei Hindernisse hatten. Im Gegenteil: Es fehlte von Anfang an eine kritische Einordnung. Man hat nicht klar benannt, was diese Strukturen tatsächlich sind: Nämlich eine rechtsextreme, nationalistische
Organisation. Wenn man von Anfang an klare Schranken gezogen hätte, dann hätten sie sich nicht so ungehindert ausbreiten können. Aber so konnten sie über die Jahre hinweg weitere Strukturen aufbauen und sich tiefer in die Nürtinger Gesellschaft eingraben. Heute sind sie einfach Teil des lokalen Gefüges – sie sind da. (…)