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Türkischer Rechtsextremismus

Türkischer Rechtsextremismus

Türkischer Rechtsextremismus bezeichnet eine eigenständige, transnational vernetzte Form des Rechtsextremismus, die in Deutschland gesellschaftlich verankert ist. Ideologisch basiert sie auf einer ethnisch-„völkischen“ Nationsvorstellung, in der „Türkischsein“ als exklusives Zugehörigkeitskriterium definiert wird. Die türkische Nation wird als homogene Abstammungsgemeinschaft konstruiert, während andere ethnische, religiöse, kulturelle oder politische Zugehörigkeiten als feindlich markiert, abgewertet oder ausgeschlossen werden. Türkischer Rechtsextremismus ist antipluralistisch, autoritär und richtet sich gegen demokratische Grundprinzipien wie Gleichheit, individuelle Freiheit und gesellschaftliche Vielfalt. Charakteristisch sind Militarismus, ein ausgeprägter Führerkult („Başbuğ-Prinzip“), patriarchale Männlichkeitsbilder sowie pantürkisch-turanistische Großreichsvorstellungen („Turan“). Eine zentrale ideologische Rolle spielt dabei häufig die Türkisch-Islamische Synthese, die Nationalismus mit einer exklusiven sunnitisch-islamischen Ordnungsvorstellung verbindet.

In Deutschland zeigt sich die Bewegung als dichtes Organisations- und Vereinsgeflecht, unter anderem über Dachverbände wie ADÜTDF/„Türk Federasyon“, ATİB und ANF (vormals ATB) sowie über zahlreiche angeschlossene Kultur-, Moschee-, Jugend- und Sportvereine. Diese Strukturen bilden stabile institutionelle, soziale und kommunikative Netzwerke, über die Ideologie vermittelt, Zugehörigkeit hergestellt und Mobilisierung organisiert wird.  Gemessen an Mitgliederzahlen und Reichweite zählt das Spektrum zu den größten rechtsextremistischen Strömungen in Deutschland.

Türkischer Rechtsextremismus ist nicht als „importiertes“ Phänomen zu verstehen. Zwar bestehen enge Verbindungen zur Türkei, seine politische Wirksamkeit entfaltet sich jedoch innerhalb der deutschen Gesellschaft. Mobilisierung, Feindbildkonstruktionen und Einschüchterung richten sich gegen Menschen und Gruppen, die in Deutschland leben. Betroffen sind davon Kurd*innen, Armenier*innen, Alevit*innen, Jüdinnen und Juden sowie linke Oppositionelle; darüber hinaus richten sich Feindbildkonstruktionen gegen weitere als „nicht-türkisch“ markierte Minderheiten, etwa griechische Communitys (u. a. Pontos-Griechinnen) sowie Sinti*zze und Rom*nja. Feindbilder werden häufig mit verschwörungsideologischen, antisemitischen oder rassistischen Narrativen verbunden und können zur Legitimation von Einschüchterung und Gewalt beitragen. Türkischer Rechtsextremismus ist damit ein transnational gerahmter, aber in Deutschland wirksamer Bestandteil des hiesigen Rechtsextremismusfeldes und stellt eine Herausforderung für demokratische Kultur und gesellschaftliche Vielfalt dar.

Die Ursprünge des türkischen Rechtsextremismus

Die Ursprünge des türkischen Rechtsextremismus lassen sich bis ins späte Osmanische Reich zurückverfolgen. Schon damals entwickelten sich erste ideologische Ansätze – der Anfang einer Bewegung, die später politisch organisiert und aktiv wurde.
Die reformistische Bewegung der „Jungosmanen“ (1865-1876) um Denker wie Namık Kemal propagierte einen islamisch-osmanischen Patriotismus mit frühen nationalistischen Tendenzen. Ihre Ideen legten den Grundstein für die spätere Bewegung der „Jungtürken“. Durch einen Militärputsch reißen die Jungtürken („Komitee für Einheit und Fortschritt“) im späten Osmanischen Reich die Macht an sich und erheben den Turanismus zur Staatsideologie, das das „Türkentum“ über alles stellte.

Bild von Abraham Ortelius, Wikimedia Commens

In der Folge entsteht ein exklusiver Nationalismus, der alle Nicht-Türken als Bedrohung betrachtet. Minderheiten werden nicht nur ausgegrenzt – sie werden systematisch bekämpft. In diesem Klima radikaler Ausgrenzung kommt es schließlich zu Genoziden. Führende Namen sind hierbei Enver, Cemal und Talat Pascha.

Bild von Unbekannt, Wikimedia Commens

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg sah der Vertrag von Sèvres (1920) eine Aufteilung des Osmanischen Reiches vor. Unter Mustafa Kemal „Atatürk“ formierte sich Widerstand, der zur Gründung der Republik Türkei führte. In den ersten Jahren der Republik folgte eine Zwangsassimilierungspolitik, die besonders Kurd*innen, Armenier*innen, Alevit*innen, Griech*innen und christliche Minderheiten betraf – Konflikte, die bis heute nachwirken.

Während der 1930er Jahre pflegte das nationalsozialistische Deutschland gezielte Kontakte zu türkischen nationalistischen Kreisen. Besonderes Interesse zeigten die Nationalsozialisten an turanistischen Gruppierungen, deren Vision eines großtürkischen Reiches („Turan“) sich mit der NS-Ideologie teilweise überschnitt. Parallel dazu etablierte sich in Istanbul eine Auslandsorganisation der NSDAP, die diese Kontakte koordinierte.

Bild von Thomas Steiner, Wikimedia Commens

Im Jahr 1944 – als sich die Niederlage der Achsenmächte abzeichnete – initiierte die türkische Regierung eine Welle von Verhaftungen prominenter Turanisten, neben Alparslan Türkeş (Gründer der Grauen Wölfe) auch Nihal Atsız – auch weil sie große Sympathien für den deutschen Nationalsozialismus hegten. Er zählt zu den prägenden Ideologen des türkischen Rechtsextremismus. Atsız propagierte die Überlegenheit der „türkischen Rasse“ und hetzte gegen minorisierte Gruppen. Die Angeklagten wurden im April 1945 wieder freigelassen.

Mit der Gründung der „Ülkü Ocakları“ (Idealistenvereine) durch Alparslan Türkeş im Jahr 1966 formierte sich der türkische Rechtsextremismus neu. Die als „Graue Wölfe“ bekannte Bewegung radikalisierte den Panturanismus und Türkismus ihrer Vorgänger – nun mit klarem Feindbild: Linke, Kurd*innen und Alevit*innen. Als politischer Arm entstand 1969 die Milliyetçi Hareket Partisi (MHP), die heute Koalitionspartner der AKP-Regierung ist.

Bild von Kerim Ünal, Wikimedia Commens

Quellen:

Bozay, K. (2005). Ich bin stolz, Türke zu sein: Türkischer Rechtsextremismus in Deutschland.

Yılmaz, A. & Tellı, R. (2021). Dissident Movements in the Last Period of the Ottoman: A Comparing of New Ottomans and Young Turks.

Deutschlandfunk (2018). Ende des Osmanischen Reiches. URL: https://www.deutschlandfunk.de/ende-des-osmanischen-reiches-neue-wertschaetzung-fuer-einen-100.html

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